Digitalisierung einer Roco V60


Um zu zeigen, wie der Umbau einer Gleichstromlok auf DCC, d.h. der Einbau eines Decoders vonstatten geht, habe ich den Prozess anhand meiner Roco V60 doku­men­tiert. Die Lok hatte ich vor Jahren zu einem güns­ti­gen Preis gebraucht über Ebay Die umgebaute Roco V60 vor dem Stellwerk
Die umgebaute Roco V60 vor dem Stellwerk Neanderthal Ost"
erstanden. Deswe­gen war die Hemm­schwel­le etwas niedriger, die Lok zu zer­legen und um­zu­bauen. Sollte dabei etwas schief gehen, wäre der Verlust zu verkraften gewesen. Da die V60 nur bei voll aufgedrehtem Regler über­haupt fahren wollte, wurde sie komplett zer­legt, gerei­nigt, neu geölt, gefettet und wieder zu­sam­men­gebaut. Ol und Fett wa­ren offensichtlich mit der Zeit hart gewor­den und hatten die Lok gebremst. Der anschlie­ßende Test zeigte, dass jetzt die Fahr­eigen­schaften im Analogbetrieb gut sind und die Lok deswegen auch ein guter Kandidat für den Einbau eines Digital-Decoders ist.


Zunächst wurde der Strom gemessen, den die Lok bei voller Spannung und blockierten Rädern zieht. Das macht man natürlich nur ganz kurz, um keinen Schaden anzu­rich­ten. Bei meiner V60 waren das weniger als 800 mA. So beschloss ich, einen CT-Elek­tro­nik Decoder vom Type DCX 70 einzubauen. Das ist ein Decoder, der sowohl für kleinere H0 als für N-Fahrzeuge geeignet ist. Der maximale Motor-Dauerstrom des Decoders beträgt 800 mA. Kurzzeitigen Spitzenbedarf kann er mit 2 A abdecken. Von den Abmessungen her müsste er mit 19 x 11 x 4,5 mm auch in der V60 noch Platz finden. Andere Kriterien bei der Auswahl waren auch die vielen Funktionsausgänge und die Möglichkeit, mit diesem Decoder digitale Kupplungen anzusteuern zu können. Möglichkeiten, die ich dann später doch nicht genutzt habe.


Nachdem der Decoder eingetroffen war, wurde die V60 zerlegt. Nur 2 Schrauben auf der Unterseite der Lok halten das Gehäuse auf dem Fahrgestell. Eine 3. Kreuz­schlitz­schrau­be hält den zylindrischen Motor auf das Fahrgestell. Wenn der Motor abgenommen ist, löst sich die Platine mit den Radschleifern und der Beleuchtung auto­ma­tisch. Nun folgt der erste Eingriff. Die beiden querliegenden kleine Drosseln in den Motor­leitungen, der Kondensator und die beiden Dioden für die Beleuchtung werden mit einem Lötkolben von der Platine gelöst. Diese Komponenten werden nicht mehr benötigt. Bei Die von überflüssigen Komponenten befreite Platine
Die von überflüssigen Komponenten befreite Platine
die­ser Ge­le­gen­heit wer­den die Rad­schlei­fer gleich ge­rei­nigt. Noch ist nicht klar, wo denn der Decoder hin soll. Das Ge­häu­se der Lok ist bis aufs Führerhaus mit einem Zink-Druckgussteil aufgefüllt. Durch Sprei­zen der Füh­rer­haus­seitenwände, schaffe ich es, den Beschwerungsblock aus dem Gehäuse zu lösen. Oben auf dem Block sitzt ein einsamer beinamputierter Lokführer, der samt Füh­rer­stand auf dem Block aufgesteckt ist. Unter der Führerstandsimitation könnte ausreichend Platz für den Decoder sein. Ganz zufrieden bin ich aber mit der Lösung nicht. Es ist immer besser, den Decoder auf das Fahrgestell aufzubauen, damit man die Lok später noch mal de­mon­tieren kann, ohne sämtliche Decoderleitungen abzulöten. Dann kommt mir die Idee, ei­nen Durchbruch in den Block zu fräsen, durch den ich den Decoder stecken kann. Der De­co­der würde oben auf dem Der Beschwerungsblock mit dem gefrästen Ausschnitt
Der Beschwerungsblock mit dem gefrästen Ausschnitt
Block liegen und bei Demontage der Lok könnte er durch den Durch­bruch nach unten raus­gezogen wer­den, ohne die Lei­tun­gen zu lösen. Als der Durch­bruch fer­tig war, stell­te ich fest, dass das Ge­trie­be der Lok mit dem Decoder kollidiert. Zu­nächst wurde also die Kunst­stoff­klam­mer ent­fernt, die die Schnecke in ihrer Position hält, dann der Metallbock mit Papier ausgefüllt, um zu vermeiden, dass beim Feilen Späne in das Getriebe geraten. Da nun auch die Kunst­stoff­klam­mer nicht mehr passt, musste ich aus elastischem Kunststoff eine neue Halterung für die Schnecke kon­stru­ie­ren, die vom dem Ballastblock an ihre Position gedrückt wird. Der Decoder an seinem ausgefrästen Platz
Der Decoder an seinem ausgefrästen Platz
Endlich ist es so weit, dass der De­co­der pro­be­weise mon­tiert wer­den kann und die Füh­rer­haus­nach­bil­dung samt Lok­füh­rer in die bei­den klei­nen Boh­run­gen des Bal­last­blocks ge­steckt wird. Alles passt per­fekt. Das bedeutet, dass der Decoder verlötet werden kann. Die Kabel werden so lang gelassen, dass der Bal­last­block bequem vom Fahrgestell gehoben werden kann. Bei der Montage werden die Drähte seitlich vom Motor im Freiraum zwischen Fahrgestell und Bal­last­block "verstaut".


In der nächsten halben Stunde ist alles soweit fertig und kann die Lok (noch ohne Ge­häu­se) auf das Programmiergleis gestellt werden. Der erste Test ist immer das Auslesen der CV (Configuration Variable) 1. Wenn sich der Decoder mit der Adresse 3 meldet, gibt es Der Lokführer sitzt Probe auf dem Decoder
Der Lokführer sitzt Probe auf dem Decoder
schon mal keinen Kurz­schluss und sind zu­min­dest die 4 Haupt­lei­tun­gen (rot, schwarz, orange und grau) rich­tig verdrahtet. Der nächste Versuch ist dann schon auf der nor­malen Strecke. Mit der Adresse 3 wird probiert, ob die Lok fährt und ob die Funk­tio­nen gehen. Bei dieser Lok habe ich nur die weiße Stirn- und Heckbeleuchtung ange­schlos­sen. Sie funktioniert in Abhängigkeit der Fachrichtung, also ist alles ok. Damit es schön hell wird, wird die blaue Decoderleitung (+Spannung) als Gemeinsamer benutzt. Nun geht es zu­rück auf das Programmiergleis um alle Parameter endgültig einzustellen. Vor der End­mon­tage erfolgt eine letzte Fahrt "oben ohne" auf der normalen Strecke. Wenn das auch OK ist, wird das Gehäuse montiert. Geschafft! Das waren mit Denken, Fräsen, Ge­trie­be anpas­sen, Ab- und Anlöten und Programmieren gute 3 Stunden Arbeit, die sich lohnen.

Da noch 2 verstärkte Funktionsausgänge übrig sind, wäre es denkbar noch eine Führer­haus­beleuchtung (gelbe/ weiße LED) oder mittels roter LED eine Schluss­beleuchtung anzu­brin­gen. Wegen der fragilen Lichtwellenleiter, habe ich auf die letzte Möglichkeit verzichtet.

Der Umbau Schritt für Schritt:

  • Lok zerlegen, Motor abnehmen und Platine entfernen, Führerhausnachbildung vom Ballastblock abziehen
  • Beide Dioden, beide Drosseln und den Kondensator von der Platine entfernen
  • Die Leiterbahnen zu den Lampen jeweils kurz hinter der Niet auftrennen. (Ein Pol der Lampen wird mit der +Versorgung des Decoders verbunden, deswegen müssen die Verbindungen zu den Radschleifern getrennt werden)
  • Eine Aussparung in den Ballastblock fräsen um den Decoder aufzunehmen. Der Decoder muss nach unten durch die Aussparung passen
  • Die Klammer des Getriebes entfernen, das Getriebe soweit abfeilen, dass es nicht mehr mit dem Decoder kollidiert und eine Ersatzklammer bauen, die die Schneckenwelle mit den beiden Bronzelagern an der richtigen Stelle hält.
  • Decoder probeweise samt Ballastblock montieren
  • Decoder nun ohne Ballastblock an die Platine anlöten und die Verdrahtung noch mal auf Kurzschlüsse kontrollieren
  • Ballastblock lose aufsetzen und Lok auf dem Programmiergleis testen
  • Ist die Lok ok (Adresse 3 wird angezeigt), dann die Funktionen des Motors und der Beleuchtung auf dem Hauptgleis probieren
  • Endgültige Programmierung und Montage des Gehäuses (wird über den Ballastblock geclipst)

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© 2003 - 2020 Gerard Clemens  letzter Update 08.05.2020


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