Die N-Bahn-Zeit


Eine Fleischmann "Piccolo" Anfangspackung, die ich in der Stadt als Sonderangebot lie­gen sah, war der Anfang einer unglaublichen Sammelwut. Schon bald folgte eine preu­ßi­sche P8, in der Art, wie sie nach dem Krieg in den Niederlanden kurz eingesetzt wurde. Einige Donnerbüchsen bildeten den ersten kleinen Wagenpark.


Ausschnitt der ersten N-Bahn in der 2-Zimmer-Wohnung
Die niederländische P8 mit Donnerbüchsen kreist über dem Bett

Unsere damalige, äußerst kleine 2-Zimmer-Wohnung bot eigentlich überhaupt keinen Platz für ein Hobby und schon gar nicht für eine Modellbahn. Die Küche war auch Schlafzimmer und im Wohnzimmer hatte ich nur eine Ecke mit Bücherregalen und einem etwas größeren Regalbrett als Schreibtisch eingerichtet.


Modellbahnanlage mit Br24 und P8 vor der Drehscheibe
Zugkreuzung auf der Spur-N-Anlage. Im Hintergrund die Arnold Drehscheibe und Arnold Ringlokschuppen.

Die erste Anlage wurde aus dem Grunde eine hochklappbare Anlage an der Wand in un­serer "Schlafküche". Sie hatte eine Größe von ca. 2 x 1,5 m, was für Spur N durch­aus akzeptabel ist, und heruntergeklappt reichte sie vom Küchentisch bis zur Bett­mitte. Der Tisch diente zusammen mit einem Küchenstuhl als Auflage. Die Anlage bestand aus einem einfachen Rahmen aus Dachlatten. Auf der hochgeklappt sichtbaren Seite des Rahmens hatte ich 4 weiß gestrichene Hartfaserplatten geschraubt. Mit 2 einfachen Griffen wurde die Platte aus dem Kasten heraus auf den Tisch abgelassen. Der Kasten aus 12mm Spanplatte war mit Regalträgern an der Wand befestigt und ca. 30 cm tief.
Um das Gewicht der beweglichen Platte in Grenzen zu halten, waren die meisten Tras­sen­bret­ter aus dünnem 3 mm Sperrholz. Die ausgeklappte Anlage mit den Rampen aus Pappstreifen in Anbau
Die ausgeklappte Anlage mit den Rampen aus Pappstreifen in Anbau
Um trotzdem ausreichend Steifigkeit zu erreichen, wurden seit­lich an den Tras­sen­bret­tern Kar­ton­strei­fen ge­klebt und ver­na­gelt. Auf diese Art ließen sich auch Ram­pen mit einer Stei­gung von exakten 3% aus­ge­zeich­net an­fer­ti­gen. Für die kleinen N-Loks mit ih­rem Fliegengewicht waren 3% aber schon zu viel. Wenn dann noch ein kleiner Gleis­radius dazu kam, dann wurde es für die kleinsten Lokomotiven schon bald zuviel und sie blieben mit durchdrehenden Rädern in der Kurve hängen.


Mein örtlicher Spielwarenhändler führte nur MiniTrix und Arnold, so dass die Gleise aus der ursprünglich mal gekauften Fleischmann Piccolo Packung bald ausgedient hatten. Auf der Anlage kam fast nur Arnold Gleismaterial zum Einsatz. Später wur­den die langen Geraden aus MiniTrix Flexgleisen verlegt. Arnold und Trix Gleismaterial lie­ßen sich problemlos durcheinander verwenden. Arnold hatte wegen der schwarzen Farbe der Gleisprofile und der "selbstreinigenden" Wirkung der schmalen Schienenköpfen be­stimm­te Vorteile. Die MiniTrix Gleise waren mit ihren Neusilberprofilen weniger anfällig für Oxi­da­tion, es waren die besseren Stromleiter und hatten im Gegensatz zu dem Arnold Gleis auch ein richtiges Gleisprofil. Trotzdem war ich im Grunde mit der Optik beider Systeme nicht richtig glücklich. Die Schienenprofile waren mit 2,1 mm einfach viel zu hoch für ein rea­lis­tisches Aussehen.


Sammeln der N-Modelle wurde zur Hauptsache
Sammeln der N-Modelle wurde zur Hauptsache

Obwohl die Anlage später voll befahrbar war und einen gewissen Grad an Detail­ge­stal­tung der Landschaft erreichte, konnte sie mit ihren Steigungen und engen Ra­dien nie richtig befriedigen. Die großen Arnold Loks wie die BR 41 zogen bei langen Zügen die leichten N-Wägelchen einfach aus den Kurven. Das Schieben von Zügen war quasi unmöglich und die leichten Lokomotiven blieben auch mit kurzen Zügen immer wieder in Steigungen und besonders in den Kurven hängen. Am schlimmsten war noch das fort­wäh­ren­de Reinigen der Schienen, um wenigsten mal eine Runde ohne Eingriffe fahren zu können. So wundert es nicht, dass das Sammeln der Modelle zur Hauptsache wurde. Bei passender Gelegenheit wurden die Modelle aus dem Regal genommen und auf der Anlage in Aktion gezeigt.


Nach dem Umzug in die größere Wohnung sollte die Anlage zwar nicht größer aber großzügiger ausgelegt werden. Rampen sollten ganz vermieden und die kleinsten Arnold Radien gar nicht erst zum Einsatz kommen. Die erste Idee einer An-der-Wand-lang-Anlage wurde in Angriff genommen und nur zum Teil realisiert. Die preisgünstigen Side­boards, die ich gekauft hatte, stellten den Unterbau für die Anlage und waren gleichzeitig Stauraum für meine Bücher und für das Eisenbahn-Material. Das Kreis-Denken aus der Ju­gend war aber noch zu feste im Kopf verankert. So kehrte ich wieder zur Eisenbahnplatte (Rahmen) zurück, wobei die Sideboards, ein wenig anders zusammengestellt wieder als Un­ter­bau fungierten. Auch hier wurde wieder nur ein Stadium erreicht, in dem Fahren möglich war, die Elektrik funktionierte, aber eine Landschaft nie durchgestaltet wurde. Da die An­la­ge immer noch in der Wohnung war und die ständig an der Bahn herumliegenden Werk­zeu­ge, die Sägespäne und überhaupt die nun immer offene Baustelle als störend empfunden wurden, musste ich, auch mit Rücksicht auf den nun herumkrabbelnden Nachwuchs, in den Keller abwandern.


Die Kellerbahn im Aufbau
Die Kellerbahn im Aufbau

Der Entwurf meiner Kellerbahn kam aus dem Eisenbahn-Magazin. Die Linienführung und die Landschaft waren einfach faszinierend und die guten Vorsätze, keine engen Radien mehr zu verwenden und Rampen zu vermeiden, waren auf einmal fast ver­ges­sen. Da mir etwas mehr Platz zur Verfügung stand als es der Entwurf verlangte, konnte ich die Anlage "strecken" und so die Steilheit der Rampen auf ein erträgliches Maß bringen. Es gab 2 kleine "Schattenbahnhöfe" und jede Menge Tunnelstrecken um die Gesamtstrecke in die Länge zu ziehen. Spottend bezeichnete meine Frau deswegen die Modellbahn als "U-Bahn".
Zuletzt hatte die Bahn einen ordentlichen Durchgestaltungsgrad erreicht. Die alten Pro­ble­me der Schienenverschmutzung bestanden jedoch nach wie vor und waren durch die vielen U-Bahn-Strecken schwieriger zu lösen. Die Weichen in den Schattenbahnhöfen waren schwer zugänglich und verursachten manche unterirdische Entgleisung. Das Gestänge mancher Ar­nold Dampfloks eckte an die unterirdischen Arnold Weichenspulen an und verursachte so Kurz­schlüsse. Deswegen wurde nur mit wenigen großen und zuverlässigen Loks aus der großen Sammlung gefahren. Der Rest blieb im Regal.
Als der Umzug in das neue Eigenheim mit großem Keller anstand, war die Bahn so groß, dass sie sich nicht in den neuen Keller bugsieren ließ. Der höchste Berg wurde abgesägt und die Anlage erst einmal hochkant abgestellt. Selten kam sie noch zu Betriebsehren und ver­staub­te total. Der abgesägte Berg wurde zwar wieder angeklebt aber sonst wurde die Anlage nicht weiter ausgebaut.
In 1999 habe ich die Anlage komplett abgerissen und mit dem Verkauf aller Teile über eBay - damals "Alando" endete die N-Periode.


© 1997-2020 Gerard Clemens   letzter Update 26.06.2020